Kinder entdecken die Welt der Technik

  • In der Wissenswerkstatt Passau entstehen Hui-Maschinen und Kaleidoskope. Die Wirtschaft erhofft sich dadurch mehr Nachwuchs

In der Oberpfalz gibt es etliche einschlägige Initiativen. Die von der Maschinenfabrik Reinhausen (MR) in Regensburg initiierte Scheubeck-Jansen-Stiftung fördert unter anderem auch die Bildung und Erziehung in der Region. MR-Geschäftsführer Dr. Nicolas Maier-Scheubeck zufolge verfolgt die Stiftung seit vielen Jahren das Projekt einer Lernwerkstatt für Jugendliche im technischen Bereich.

Initiative hat die Lehrer im Fokus
Als möglicher Ort gilt die Nibelungenkaserne. Bei einer solchen Lernwerkstatt solle es sich keineswegs um eine Freizeiteinrichtung handeln, betont der Unternehmer. Sie solle stattdessen eng mit der schulischen und Hochschul-Ausbildung verzahnt werden. „Unser zentrales Ziel ist die entsprechende Aus- und Weiterbildung beziehungsweise die Nachschulung von Lehrern“, sagt Maier-Scheubeck. Erst dann solle es um Themen wie die Vermittlung von Berufsbildern gehen. Die MR seit bereit, die Anschubfinanzierung zu übernehmen.

Der Regensburger Wirtschaftsreferent Dieter Daminger sagt, die Stadt habe erst kürzlich alle Einrichtungen zusammengebracht, die Kinder und Jugendliche an Technik heranführen wollen. Die Palette reiche von den Grundschulen bis zur Ostbayerischen Technischen Hochschule OTH sowie der Universität und umfasse die unterschiedlichsten Facetten - von der spielerischen Freizeitgestaltung bis hin zur Didaktik im Rahmen der Lehrpläne. In einem ersten Schritt wolle man Transparenz schaffen. Erst danach solle das Projekt auch räumlich verortet werden - etwa in der Nibelungenkaserne - und darüber hinaus eine nachhaltige Finanzierung geprüft werden.

Die Wissenswerkstatt Passau indes ist als gemeinsame Bildungsinitiative aufgestellt – in der Form eines gemeinnützigen Vereins von Stadt, Landkreis und Universität Passau, den bayerischen Metall- und Elektroarbeitgebern (bayme vbm) sowie der ZF in Passau, die die Federführung dieses Projektes innehat. Für die Idee konnten inzwischen auch andere Unternehmen gewonnen werden. Die Finanzierung ist auf zehn Jahre gesichert, der Löwenanteil kommt dabei von ZF. 

Passau.
Das Interesse ist groß. Handwerkskammerpräsident Dr. Georg Haber war schon da, der Regensburger Wirtschaftsreferent Dieter Daminger und mehrere Oberpfälzer Unternehmer. Und sie alle zeigen sich begeistert von dem Passauer Pilotprojekt einer „Wissenswerkstatt“. Diese wurde Anfang 2013 vom niederbayerischen Ableger der ZF Friedrichshafen AG mit Partnern aus Wirtschaft und Gesellschaft ins Leben gerufen.

In der Wissenswerkstatt können Kinder und Jugendliche von acht bis 18 Jahren die Welt der Technik und Naturwissenschaften entdecken. Auf einer Fläche von rund 400 Quadratmetern stehen im ehemaligen Postgebäude in der Bahnhofstraße eine Werkstatt mit Metall- und Holzbearbeitungsmaschinen, EDV sowie Labore für Physik, Elektro- und Steuerungstechnik zur Verfügung. Gernot Hein, Leiter für Marketing und Kommunikation bei der ZF in Passau erläutert das Prinzip: „Kinder und Jugendliche aller Schulformen erforschen hier technische Phänomene und Alltagstechnik. Das erworbene Wissen wird durch handwerkliche Arbeiten in nützliche Produkte umgesetzt.“ In der Wissenswerkstatt haben Kinder und Jugendliche also die Möglichkeit, einmal etwas ganz Neues auszuprobieren. Und im Idealfall können sie dadurch für eine technische Ausbildung begeistert werden.

Eine Ergänzung zum Lehrplan
Ziel ist es, bei jungen Menschen schon möglichst früh das Interesse für Technik und Wissenschaft zu wecken und ihnen langfristig berufliche und persönliche Perspektiven aufzuzeigen. Die Kurse tragen Namen wie „Die bunte Welt des Kunststoffs“, „Schachtelcomputer“, „Faszination Licht“, „Dem Wasser auf der Spur“ oder „Wenn die Luft arbeitet“. Als „Ergebnisse“ entstehen Seifenblasenmaschinen, Knatterboote, Eislöffelturbinen, Hui-Maschinen, Elektrohubschrauber, Rucksack-Alarmanlagen, Zahnputztimer oder Kaleidoskope. Die Älteren dürfen Smartphone-Apps programmieren oder Lego Robotik „spielen“.

Es gibt Projekte und Experimente zu den Themenbereichen Physik, Fahrzeugtechnik, Biologie, Chemie, Astronomie und Raumfahrt. Die Universität Passau bringt Expertise aus den Bereichen Mathematik und Informatik ein. Die Kurse können von Gruppen mit bis zu 16 Teilnehmern gebucht werden.

Der Leiter der Wissenswerkstatt Ralf Grützner: „Bei uns steht das Selbermachen im Vordergrund. Unser Kursangebot bildet eine ideale Ergänzung des schulischen Lehrplans um praktische Inhalte.“ In enger Abstimmung mit den Lehrkräften wird das Vormittags-Kursangebot speziell für Schüler je nach Altersstufe, Vorkenntnissen und Schulart zugeschnitten. Die Wissenswerkstatt bietet alle Kurse und Projekte inklusive Materialien, Geräte und Maschinen kostenfrei an. Am Ende können die Kinder ihre Werkstücke mit nach Hause nehmen.

Nachmittags nutzen Mädchen und Buben das Angebot auf eigene Initiative. Michael Keher ist einer der größten Fans: Der Zehnjährige hat bereits 28 Kurse in Eigenregie besucht und findet das Angebot „einfach total super“. Die Kinder freuen sich darüber, dass sie hier „ganz viel alleine machen können“. Grützner und Werkstattmeister Christian Eder freuen sich besonders über das rege Interesse der Mädchen: Deren Anteil liegt konstant bei über 40 Prozent. Soeben hatte Eder 21 Mädchen und einen Jungen im Kurs. „Die Mädchen haben es alle geschafft, einen Stromkreis zu bauen, der Junge nicht“, freut sich der Meister. Zwei Jahre nach der Eröffnung, im Februar 2015, konnten die Initiatoren bereits über 11 000 Teilnahmen an gut 1000 Kursen verbuchen (mehr als 7000 kamen über Schulen).

Bei allem Spaß an der Technik hat das Projekt aber durchaus einen ernsten Hintergrund. Hein: „Der demografische Wandel und der damit verbundene Fachkräftemangel trifft vor allem ländliche Regionen mit mehr als 50 000 Einwohnern.“ Prognosen zufolge wird sich in den nächsten 20 Jahren in der Region Passau der Anteil der 20- bis 60-Jährigen um 24 000 Personen verringern. Demgegenüber nimmt der Bedarf der regionalen Wirtschaft an Facharbeitern, Technikern, Handwerkern und Ingenieuren stetig zu.

Pressekontakt:
wissenswerkstatt Passau e.V.
Gernot Hein, Vorstand
Tel. +49 (0)851 494-2480
Fax: +49 (0)851 494-90 2480
Email:  

Es entstehen Kaleidoskope, Rucksack-Alarmanlagen und vieles mehr.




In der Wissenswerkstatt zeigen auch viele Mädchen, welche Talente sie haben.




So mancher Teinehmer kann für Technik begeistert werden.




Viele kommen nachmittags freiwillig zu den Kursen.

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